madless
#14 Adorno und Kracauer
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Januarabend, misstrauisch an
Straßenlaternen entlang, Kälte
wie aufgeschottert, Stiefel
knartzen als treten sie
Heuschrecken zu Pulver klein,
dann Argumente sammeln,

warum man nicht raus muss, doch
besser ist das, Lesung in
Kammerspielen, Jugendstil-
Ornamentik gewinnt immer,
das Evangelium der Bürgerlichkeit
liegt aufgeschlagen auf den Sitzen,

Damen, den Mund mit einer roten
Lippengranate bemalt, der streng
ruft „Hör zu, ich existiere“ und mit
ihrer Zweithornbrille unbedingt
das aufgefächerte Haar zurück-
stecken müssen, kollektives

feminines Accessoiresbewusstsein,
wann findet endlich die Befreiung
vom ästhetischen Zwang mit
störenden Zubehör statt, doch die
Schauspieler lassen nun Adorno und
Kracauer mit ihren Briefen zu Wort

kommen, Altersunterschied für
damals erheblich, heute doch egal,
Urlaub Positano, Napoli,
Schreibtische quillen über vor
narzisstisch disponierten
Einzelgängerwerken, die dem

Jahrhundert ihren sprachlichen Atem
gaben, dann wieder gekränkt, aufplustern
und imponieren, Torheiten und den
Freund desavouiren, aus, Lippen nachmalen,
im Schaufenster ein Kleid, das unverschämt
viel wie eine heile Welt kostet.

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