madless
#62 Oberlehrer mit L. D.-Großstadt-Blues
Autor:

Im Literaturhaus-Café
bespielt sich die Bühne erst
mal leer mit dem MacBook,
aha, abgegriffenes soundloungiges
deutscher Textanstalten, wenn’s wenigstens
„Notwist“ wären, mit der rieselnden Musik

wird man nicht warm, dann erstmal weitertrinken,
bewusste Abwendung von Pils, in der glänzenden
Oscar Maria Graf-Brasserie kann man sich schon
mal auf die Bar einlassen, in dieser literarisch
schwanzungelutschten Atmosphäre mit der strengen
Konstruktion, wer jetzt an den Verleger kommt bei der

Chose „Neue Bücher braucht das Land“, da bestellt
man aus Protest schon mal kein Bier,
sondern den Barkeeper zu Forest Caipiroska
antreiben, und partout auf Eisschirmchen bestehen,
der tätowierte stämmige Sound-Checker mit dem
Piercing giganto muss heut Dienst schieben,

Ebbe in der Kasse, Kontostand im Wartesaal,
Monatsende dauert noch, eigentlich wollte er zu
In Extremo, hat Zusage verpasst, jetzt bei der
ernsten Lyrikerin, die sarkastisch, bitter und
untergangsfreundlich sein will, das Bierglas neben dem Bass,
weder Patty Smith noch „enfant terrible“, da fehlt der Schneid,

die elektronischen Drums zieren sich noch,
zaghaftes Klöppeln, harten Klang wird das Ding
nicht hergeben, ein paar sitzen, erst mal trinken
und schauen, zuviel Ernsthaftigkeit, wäre doch ein
Kampftrinker hier, Scheiß auf den freien Eintritt,
in scharfem Kontrast zum honorigen Literaturpublikum

Klamauk-Buddys, denen das affektierte Gelächter
reicht, doch lieber gleich in Traders Vic’s Bar,
die Sängerin droht im Berlin-Mitte-Beschwerdeton,
der Loop läuft ewig und sie zählt bin 20 und dann solle
doch alles mal vor ihr stehen. Einige voller Gnade,
warum auch nicht. Kostet ja nichts.

Impressum