madless
#79 Regionalbahn nach Nürnberg – no temps perdu
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Man richtet sich auf
knurrende Fahrt ein,
das Sujet der Mitfahrer
kraftvoll an der Zugtüre,
die wie von friedlichen
Azteken besetzen Abteile

als eroberungswillige
Spanier übernehmen,
der gnädige Rousseauismus
wird hier schnell durch
Schulterverrenken und
physische Überlegenheit

kaputt geredet, und wie
rangniedere Schimpansen
schnappen sich manche
flink den Platz, wenn der
dominante tönende
Mitfahrer ihn nicht sah,

komplexe Normen und
verheißungsvolle Soziabilität
werden mit egoistischer
Aufgabenbewältigung getauscht,
eine junge Frau mit Kopftuch
lässt Döner und stumpfest

Smartphone-Gequietsche
vermuten, sie liest Proust in
Swanns Welt im Original,
auf ihren Beinen liegt ein Block
worin sie Notizen festhält, manchmal

flüstert sie wie eine aus der Zeit
gefallene wunderschöne Sirene
einzelne präzise pointiert Passagen nach,
immer lückenloser will man aufrutschen, ach wie gut
wäre jetzt Talent in chinesischer Betriebsspionage.
Hier schafft sich Deutschland nicht ab.

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