
Sie war die Gräfin am Elisabethplatz,
ihre Zähne ein Gedicht aus Perlmutt,
die gebändigten Haare gespenstisch
ohne Spray zur aufrechten Turmskulptur,
abends losgelöst und als sanftes
tellurisches Material ausFrederic Lord Leighton Bildern
entströmend, die Ehe nicht mit
juristischen Geklimper traktiert,
ein Märchen wie im Traum,
ihr Mann und sie pflegten die
Treue als Schmierstoff inwindigen Gezeiten, als er plötzlich
verstarb gaben ihr die Nachbarn,
die Bankangestellte, der Pfarrer
tröstende Worte, ihre zornigen
Ausbrüche verwahrte sie im Kissen,
die Fassade wurde mit dertäglichen Kostümauswahl und
den immer preiswerteren
Schminkutensilien gewahrt, die Stadt verträgt keine Armut,
die Tage wurden unschärfer,
der Vermieter drängte auf
Eigenbedarf, kein Erbarmen,die mühsam angesparten kostbaren Möbel,
für ebay nur noch alter Plunder,
die Vitrine aus Kirschholz und das Klavier
haben in der neuen viel zu engen
überteuerten Hinterhofwohnung keinen Platz,
ein Aufbruch ins Ortslose, es könnte auchBerlin Kreuzberg sein, so fühlt sie sich,
obwohl sie dort nie war, die Gräfin
geht heute wieder zur Tafel, geht an
den überwältigenden Dallmayr-Dekorationen
vorbei, sie sucht nach etwas Gemüse und
Gespräch. Sie wünscht sich,
der Winterschlaf setzt ein und nimmer erwacht sie.